ETF`s, ein Derivate-Misch-Masch

image_pdfimage_print

Von den ETF-Fonds-Vertreibern, vielen Vermögensverwaltern und Wirtschaftsjournalisten kann man immer wieder hören, dass die ETF`s den jeweiligen Index 1:1 abbilden und dann noch physisch, d.h. mit den dem Index bildenden Wertpapieren physisch unterlegt sind.

Damit wird der Eindruck erweckt, dass dieser INDEX Fonds zu 100% durch die entsprechenden Aktien / Wertpapiere, die den jeweiligen Index bilden,  unterlegt sind und man es daher mit einem einfachen strukturierten Finanzprodukt zu tun hat. Weit gefehlt!

Den Protagonisten dieses Finanzproduktes sei daher dringend empfohlen, sich die jeweiligen Verkaufsprospekte  dieser Indexprodukte genauer anzuschauen, dann werden sie  sehr schnell feststellen, dass diese Behauptung mit einem Märchen gleichzusetzen ist.

Am Beispiel des iShares STOXX Europe 50(DE) ISIN Nr. DE0005933949 kann man in dem 44 Seiten umfassenden und relativ klein geschriebenen Verkaufsprospekt folgende Details nachlesen:

6.3. Indexnachbildung  und  Vorrang der direkten Duplizierung:

Zur Nachbildung des zugrunde liegenden Index dürfen ausschließlich die folgenden Vermögensgegenstände erworben werden:

  • Wertpapiere, die im Wertpapierindex enthalten sind oder im Zuge von Indexveränderungen in diesen aufgenommen werden. (Indexwertpapiere). Anmerkung: die Wertpapiere, die im Index enthalten sind.
  • Wertpapiere, die auf Einzeltitel des zugrunde liegenden Index begeben wurden (Einzeltitelzertifikate). Anmerkung: ein strukturiertes Finanzprodukt!
  • Terminkontrakte auf den zugrunde liegenden Index (Indexterminkontrakte). Anmerkung: ein strukturiertes Finanzprodukt!
  • Terminkontrakte auf Einzeltitel des zugrunde liegenden Index (Einzelterminkontrakte). Anmerkung: ein Derivat!
  • Optionsscheine auf den zugrunde liegenden Index (Indexoptionsscheine). Anmerkung: ein Derivat und strukturiertes Finanzprodukt!
  • Optionsscheine auf Einzeltitel des zugrunde liegenden Index (Einzeltiteloptionsscheine). Anmerkung: ein Derivat!
  • Investmentanteile gemäß § 8 der Allgemeinen Vertragsbedingungen.

In diesem § 8 werden dann die hierfür notwendigen Anlageinstrumente im Einzelnen aufgeführt (nur in Stichpunkten):

  • 8.2. Geldmarktinstrumente: am Geldmarkt gehandelte sowie verzinsliche Wertpapiere. Anmerkung: Dieser ETF soll den EURO STOXX 50 abbilden, das sind Aktien und keine verzinslichen Wertpapiere.
  • 8.3. Bankguthaben: bis zu 5% mit einer Laufzeit von max. 12 Monate.
  • 8.4. Derivate: jegliche Derivate oder Finanzinstrumente mit derivater Komponente im Sinn des § 10.1 = Darlehensgeschäfte (siehe unten).
  • 8.4.1. Terminkontrakte.
  • 8.4.2 Optionsgeschäfte.
  • 8.4.3 Swaps: Zins-, Währungs-, Equity- und Credit Default Swapgeschäfte.
  • 8.4.4. Swaptions: Optionen auf Swaps.
  • 8.4.5. Credit Default Swaps: Kreditderivat, die es ermöglichen ein potenzielles Kreditausfallvolumen auf andere zu übertragen.
  • 8.4.6. In Wertpapieren verbriefte Finanzinstrumente. Anmerkung: ein Verbriefungs-Misch-Masch
  • 8.4.7. Begrenzung des Marktrisikos: hier wird angabegemäß ein qualifizierter Ansatz im Sinne der DerivateV (Derivate Verordnung mit 44 Paragraphen) angewendet. Anmerkung: Verifizierbar? Sicherlich nicht!
  • 8.4.8. Over-the-Counter (OTC)-Geschäfte: außerbörslicher Handel oder direkte Geschäfte ohne Börseneinschaltung, aber nur solche Papiere, die an den Börsen zugelassen sind.

Unter §10 werden dann die möglichen Darlehensgeschäfte beschrieben.

  • 10.1. beschreibt die Möglichkeit, die im Sondervermögen des Indexfonds vorhandenen Vermögensgegenständedarlehensweise an Dritte übertragen zu dürfen, sogar auf unbestimmte Zeit, dafür aber mit Kündigungsmöglichkeit.
  • 10.2. Pensionsgeschäfte: Für Rechnung des Sondervermögens darf der Indexfonds Wertpapier-Pensionsgeschäfte mit Kreditinstituten und Finanzdienstleistungsinstituten für max. 12 Monate abschließen.

Anmerkung: Man kann nur hoffen, dass dieser Fonds über eine entsprechende Kreditexpertise, welche die Bonitäten der Kontrahenten richtig prüfen kann, verfügt.

In § 11 ist dann die kurzfristige Kreditaufnahme für gemeinschaftliche Rechnung der Anleger bis zu 10% des Wertes des Sondervermögens zulässig, wodurch eine 1 zu 1 Unterlegung über eine Saldierung nicht gegeben wäre.

Kurzum, das ist ein reines Derivate-Misch-Masch-Finanzprodukt mit unzählig vielen Risiken, die insbesondere bei einem Finanzcrash sehr schmerzhaft zu Tage treten werden. Letztlich ist dem Fondsmanagement fast alles erlaubt und für einen Außenstehenden kaum verifizierbar. Der Sinn eines ETF wird meines Erachtens damit pervertiert.

Eine physische Unterlegung eines ETF`s ist somit ein Märchen, eine 1 zu 1 Unterlegung ebenfalls, zumal dieser Fonds nur max zu 95% unterlegt werden kann, letztlich auch aus praktischen Gründen, da ein Fonds entsprechende Liquidität vorhalten muss. Außerdem kann man nicht sicher sein, ob bei synthetischer Unterlegung, welche auch aus rein praktischen Gründen unumgänglich ist,  die Optionen greifen. Sollte der Optionsgeber Nr. 1 diese Option durch eine andere wiederum unterlegt haben und der Optionsgeber Nr. 2 diese ebenfalls, möchte ich mir nicht ausmalen, was dann auf dem Derivatemarkt in Baisse- oder Finanzcrash-Zeiten los ist.

Zur Erinnerung, in 2014 soll der Derivatemarkt ein Volumen von über 700 Billionen US$ bei einem Welt BIP von etwa 74 Billionen US$, also nahezu das zehnfache erreicht haben. Zwischenzeitlich dürfte sich dieses Derivatevolumen aber noch deutlich erhöht haben, schon allein  aus Gründen der Geldpolitik der Zentralbanken, insbesondere der von Draghi`s EZB, welche die Produktion der Finanzinstrumente erst so richtig hat anlaufen lassen.

Man kann sich damit nicht des Eindrucks erwehren, dass es weltweit viel weniger  Aktien gibt, als in den  ETF – Fonds  physisch und synthetisch in ihren Büchern verbucht sind.

Ein weiteres und nicht zu vernachlässigendes Risiko ist der Umstand, dass die jeweiligen ETF`s  von Finanzinstituten kreiert wurden und somit diese Finanzinstitute als Träger dieses strukturierten Papiers  selbst ein Risiko darstellen, nämlich das Risiko von deren Insolvenz (s. Lehman Brothers). Zu den Finanzinstituten gehören auch Banken, deren Bonitäten nicht gerade die besten sind.

Langsam scheint sich nun das hohe Risiko, welches die ETF`s darstellen, bei vielen maßgeblichen Funktionären der Wirtschaft so langsam offensichtlich zu werden. Selbst Herr Hufeld, Leiter der Bafin, hält diese für brandgefährlich. Das habe ich aber schon vor drei Jahren festgestellt, nachzulesen in diesem Blog , wie auch hierzu noch in weiteren Beiträgen (unter “search” ETF eingeben) .

9. September 2017

Elmar Emde

Autor des Buches “Die strukturierte Ausbeutung”

Siehe auch www.emde-fiveko.de

 

Teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.