Zertifikate

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Das Wort „Zertifikat“ vermittelt auf den ersten Blick den Eindruck, dass dahinter etwas Gutes, etwas zertifiziertes, kurzum etwas seriöses steckt. Nur so kann ich mir erklären, warum so viele Anleger Zertifikate gekauft haben, bzw. sich diese Papiere auf­schwatzen ließen und damit ihr Depot radioaktiv verseucht haben.

Bei einem Zertifikat handelt es sich um einen typischen Wettschein und so müsste er eigentlich benannt werden. Punkt. Man wettet dabei auf gewisse Entwicklungen, geht aber auch die Gefahr bewusst oder unbewusst ein (auch hier abhängig vom Verkäufer), wenn diese Entwicklung nicht eintritt, am Fälligkeitstag weniger oder im worst case nichts mehr zurück zu erhalten, insbesondere bei den so genannten Turbo-Zertifikaten mit extrem hohen Hebeln oder den CFD`s (Contract for Difference), mit denen auf steigende und fallende Kurse spekuliert werden kann oder mit Reverse Zerti­fikaten, bei welchen man beim Erreichen eines bestimmten Punktes (Kurs /­ Dax etc.) sein gesamtes Kapital verlieren kann. Auch hier gibt es eine Vielzahl ähnlich strukturierter Papiere.

Verkauft werden diese Wettscheine mit „Nutzung von Gewinn­chancen“, „sicheren Zinszahlungen und hohen Absturzpuffer“, usw. usw. Der Phantasie der Werbestrategen sind hier keine Grenzen gesetzt. Jedoch keiner beantwortet die Frage, warum diese Zerti­fikate eigentlich kreiert wurden? Eine Antwort darauf kann man immer stereotyp lesen, insbesondere von den Vertriebskolonnen der Banken und den Vertretern des Derivateverbandes, nämlich, dass damit Risiken „abgefedert“, bzw. die Risiken aus dem Depot genommen werden. Es fragt sich nur, welche Risiken aus welchen Depots diese Herren meinen?

Die richtige Antwort darauf ist eine ganz andere.

Pensionskassen, Versicherungen, Banken und alle, die durch Ihr Geschäftsmodell hohe Geldsummen täglich einsammeln, haben ein riesiges Problem, nämlich das Problem der Anlage.

Wenn eine große Versicherungsgesellschaft täglich bis zu € 100 Mio. aus den Beiträgen der Versicherungsnehmer vereinnahmt, müssen diese Gelder irgendwie angelegt werden, sei es auf Festgeldkonten, in Anleihen (überwiegend) oder auch in Aktien der unterschied­lichsten Branchen und Währungen.

Diese Gelder nur auf Festgeldkonten zu parken beinhaltet gerade in der heutigen Zeit bei den hohen Summen ein Bankenausfallrisiko. Somit werden diese Gelder in alle möglichen Anlageklassen angelegt natürlich mit dem Ziel, eine seriöse und dennoch gute Rendite zu erzielen, um den Anforderungen beispielsweise aus der Mindestverzinsungen bei den Lebensversicherungspolicen gerecht zur werden.

Jetzt ist aber nicht jeder Tag ein guter Tag der Anlage aus den unterschiedlichsten Gründen, so dass manchmal Anlagen getätigt werden, die man besser nicht vollzogen hätte.

Aus diesem Grund bedienen sich diese Institutionen der  Wahrscheinlichkeitsrechnungen (siehe entsprechende Rubrik), um herauszu­finden, wie sich dieses oder jenes Wertpapier aufgrund der gegebenen Situation entwickeln könnte. Errechnet diese Analyse eine Wahrscheinlichkeit von x %, dass das eine oder andere Wert­papier diese oder jene Richtung einschlagen wird, emittiert diese Institution oder lässt über eine Investmentbank oder auch über eine Bank u. a. ein Zertifikat kreieren (es gibt hier noch eine Reihe anderer Derivate), welche dieses Risiko abfedert nur mit dem wesentlichen Unterschied, dass dieses erkannte oder analysierte Risiko nicht dem Anleger mitgeteilt wird, sondern in einer juristisch einwandfreien Bezeichnung mit Chance und Risiko, letztlich mit anderen Vorzeichen verkauft wird. Bei einem Rückgang eines Kurses unter einer bestimmten Kursschwelle bekommt im worst case der Anleger je nach Ausgestaltung des Zertifikates nichts mehr, verliert also seinen Wetteinsatz, wogegen der Zertifikat- Emittent zwar dann auch einen Kursverlust hinnehmen muss, aber dann durch die Nichtrückzahlung des vom Anleger eingesetzten und verlorenen Wetteinsatzes entschädigt wird, womit der Wert seines Portfolios trotz Kursrückgang erhalten bleibt.

In einem dem Handelsblatt gegebenen Interview wurde der Chef des honorigen Privatbankhauses Metzler, Herr von Metzler, zum Thema Zertifikate wie folgt befragt:

Handelsblatt:

„Viele Deutsche haben sich statt Aktien mit Zertifikaten angefreundet. Zu Recht?“

Von Metzler:

„Eine sinnvolle Geldanlage braucht keine derart komplizierten Produkte. Das Problem unserer Branche ist, das es noch nie zuvor so viele gut ausgebildete und kreative Mathematiker in den Banken gab. Was die Zertifikate angeht, ist das eher Fluch als Segen“.

In der Welt am Sonntag  konnte man  zum Thema „Zertifikate“ eine positive Berichterstattung nachlesen, wie im Übrigen auch in anderen Tages- und Wirtschaftszeitungen. Unter der Überschrift „Keine Angst vor Zertifikaten“ wird von dem Autor mit dem Satz begonnen „Es ist vertrackt. Ausgerechnet in den Jahren der Finanz­krise hätten Anleger mit Zertifikaten gut abschneiden können“.

Jetzt frage ich mich, woher der Verfasser dieses Artikels, Herr Ralf Andress, diese Information hat? Gibt es eine Statistik hierüber über die hunderttausende von verschiedenen Zertifikaten?

Zum Journalisten, Herrn Andress, muss man aber wissen, dass er sich lt. seiner sehr mageren Homepage vor über 10 Jahren zur Welt der Derivate bekannt hatte, Chefredakteur des Magazins „Der Zertifikateberater“ ist und somit zur Zunft der Befürworter von Zertifikaten eigentlich gehören muss und daher an einer kritischen und objektiven Berichterstattung zu diesem „Anlageprodukt“ kein Interesse haben dürfte.

Des Weiteren wird in seinem Artikel die Frage gestellt, ob Zertifikate (aufgrund ihrer Komplexität) wirklich so schwierig sind?

Damit wurde zu Beginn des Artikels schon eine positive Grund­stimmung, typisch für einen Verkäufer von Finanzprodukten, geschaffen.

Dieser Frage folgte dann der Hinweis, dass Ende November in Berlin zum elften Mal die besten Anbieter mit dem „Zertifikate-Awards“ von der „Welt-Gruppe“ ausgezeichnet wurden. Diese Preise vergab eine 35-köpfige Expertenjury aus Vermögensverwaltung, Wissen­schaft(?), Beratungsdienstleistern und Fachmedien, welche letztlich alle Interesse am Bestand dieses Finanzproduktes und der „Welt“ der Derivate haben, in den Kategorien für Produkte zur Rendite Optimierung.

Der erste Preis ging hierbei an die Deutsche Bank, welche auf der­selben Seite des Pressartikels eine teure Anzeige mit dem Hinweis auf diesen Preis geschaltet hatte.

Der zweite Preis ging an die Commerzbank, welche auf der Seite davor mit dem Presseartikel mit der Überschrift „Besser schalten“ von Daniela Helemann, ebenfalls eine journalistische Vertreterin der derivaten Finanzprodukte, auch eine recht große und sicherlich recht teure Anzeige (Werbung für drei Aktienanleihen) geschaltet hatte. Daniela Helemann erklärte in diesem Artikel die Funktionsweise von Expresszertifikaten, eine der risikoreichsten Zertifikate in einer Art und Weise, welche die Gefährlichkeit eines Vermögensverlustes absolut in den Hintergrund treten ließ.

Herr Andress führte des Weiteren aus, dass die Zertifikate, wenn man genauer hinschaut, erstaunlich leistungsfähig sein sollen und auch relativ leicht zu verstehen seien.

Leider kann man aufgrund der vielen hunderttausend Zertifikate nicht genauer hinschauen, wie die Masse der Zertifikate abgeschnitten hat, so dass man eine solche Behauptung aufstellen, bzw. es an wenigen erfolgreichen festzurren kann. Möglich, dass es positiv laufende Zertifikate gibt, bei denen sich die Investment­banken mit ihren Wahrscheinlichkeitsrechnungen evtl. verrechnet haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die das Risiko eingehende Masse der Anleger aber danebenliegt, dürfte aufgrund der sie kreierenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen deutlich höher liegen.

Und was die leichte Verständlichkeit angeht, so empfehle ich jedem Leser, sich einmal die vielen Seiten der Produktbeschreibungen dieser Zertifikate zu beschäftigen, welche teilweise „denglisch“ oder „jurististendeutsch“ verfasst und womit viele Fallen für den normalen Anleger gelegt worden sind.

An diesen zwei Beispielen kann man im Übrigen sehr gut erkennen, wie hier die Presse und die Banken in gewisser Weise Hand in Hand zusammen­arbeiten. Die Banken mit Blick auf eine weitere Verbreitungen einer obskuren Anlageideologie und die Presse mit Interesse an teuren Anzeigen, welche sich hauptsächlich Banken im großen Stil leisten können. Eine ähnliche Entwicklung war auch vor der Finanzkrise zu beobachten, allerdings hat sich dann die Presse, bzw. deren Vertreter nicht mehr an ihre kritiklosen Befürwortungen dieser Entwicklungen erinnert.

In beiden Presseartikeln fehlt der Hinweis auf dahinter stehende Wahrscheinlichkeitsrechnungen und über die ungleiche Wett­partnerschaft, bei der der Anleger saldiert nur verlieren kann. Diesen Hinweis findet man im Übrigen bei keinen Spezialausgaben der großen Tageszeitungen zum Thema „Zertifikate“, was anscheinend immer beliebter wird. Da kommen nahezu nur Banker zu Wort und Finanzprodukthersteller, die vermutlich für diese „redaktionellen Beiträge“ noch entsprechend hohe Beiträge an die jeweilige Zeitung entrichten mussten.

Dennoch möchte ich nicht verschweigen, dass die großen Tages­zeitungen diesen Finanzprodukten mittlerweile doch sehr skeptisch gegenüberstehen und die Fragen bei den abgedruckten Interviews immer kritischer werden. Nur vereinzelte Wirtschaftsredakteure lassen sich anscheinend immer noch von den Presseabteilungen der Banken und dem Glanz und Gloria der rhetorisch versierten Vorstandsvorsitzenden beeindrucken, scheuen sich sogar, diese Herren mit kritischen Fragen aus der Reserve zu locken. Ich bin sicher, dass selbst diese Herrschaften nicht in der Lage sind, ihre derivaten Menüs zu erklären.

Juli 2013

Elmar Emde

Autor des Buches “Die strukturierte Ausbeutung”

Siehe auch http://www.emde-fiveko.de

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