Wie soll man anlegen?

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Was soll ein in Finanzdingen unbedarfter Anleger oder jemand, der unverhofft, sei es über einen Lottogewinn oder Erbschaft oder sonst wie zu viel Geld gekommen ist, mit seinem Geld machen, insbesondere wie kann er der breit angelegten Ausbeutung durch die Finanzindustrie entgehen?

Gerade bei dem Überangebot von strukturierten Finanzprodukten mit den unterschiedlichsten Ausprägungen und Risikofallen, welche von allen Seiten – auch von seriösen und hoch angesehenen Wirtschaftszeitungen –  momentan als Alternative wie ein Dauerfeuer, auch in Kommentaren, auf die Leser niederprasseln, ist es derzeit nicht leicht, diese Fragen befriedigend zu beantworten. Insbesondere bei der derzeitigen extremen Niedrigzinsphase fallen diese „Ratschläge“ auf einen fruchtbaren Anlegerboden.

Dennoch kann man beim Beherzigen einiger wichtiger Grundsätze und deren konsequenter Befolgung diesem Griff in die eigene Tasche entgehen.

Zuerst sollte jeder Anleger einige Grundsätze überdenken und sich über einige Umstände klar werden.

Grundsätze:

Grundsatz 1:

Ein jeder Anleger sollte zunächst folgende Fragen klären:

  • Wie viel benötige ich von meinem Einkommen oder dem gewonnenen Geld für die Deckung meines laufenden Lebensunterhaltes?
  • Wie viel davon kann ich langfristig anlegen, wie viel davon kurzfristig?

Grundsatz 2:

Nach Festlegung des (langfristigen / kurzfristigen) Anlagekapitals wären drei wei­tere Grundsätze zu klären:

  • Soll der Anlagebetrag seriös, also zumindest Kapital erhaltend angelegt werden, d. h. in einer Art und Weise, welche die Rück­zahlung des angelegten Geld inkl. Zinsen und daraus erwirt­schafteter Erträge mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gewähr­leistet mit dem Nachteil einer geringeren Rendite (hierbei soll man sich aber durch die permanenten Hinweise, dass das Kapital durch die höhere Inflation aufgefressen wird nicht ver­rückt machen lassen /­ kein Zinsniveau bleibt so wie es ist) oder
  • bin ich bereit, diesen Anlagebetrag einem Risiko auszusetzen, d. h. in einer Art und Weise. welche die Rückzahlung des an­gelegten Geldes nicht gewährleistet mit dem Vorteil (aber vermutliche geringen Wahrscheinlichkeit) einer evtl. höheren Rendite, und dem Nachteil eines Kapitalverlustes, wobei der Rest dann auch noch der Inflation ausgesetzt ist.
  • Ganz wichtig, vertraue ich strukturierten Finanzprodukten oder lege ich grundsätzlich nur in direkte Wertpapiere an, bei denen ich den Emittenten und seine Bonität eruieren kann.

Oder anders ausgedrückt

  • will ich Chancen wahrnehmen und damit (sehr wahrscheinlich hohe) Risiken eingehen oder
  • will ich auf die Chancen verzichten und damit auch keine Risiken eingehen

Auf Basis dieser Entscheidungen kann dann eine Vermögensstrategie, zugeschnitten auf die persönliche Risikobereitschaft des Anlegers formuliert werden. Hierbei sollte man dem ehernen Grundsatz (oder das „finanzphysikalische Gesetz“ nicht vergessen), der da lautet: „Je höher die Rendite, desto höher ist das Risiko“.

Jetzt gibt es zum Thema seriöse Anlage und Risiko einer Anlage sehr viele und auch gegensätzliche Meinungen. Hierzu wurde in diesem Blog unter der Rubrik „strukturierte Finanzprodukte“ diese bereits ausführlich kommentiert und können als Richtschnur für die Anlageangebote genommen werden.

Grundsätzlich gilt, dass derjenige, welcher am Verkauf des Finanzproduktes daran über ent­sprechende Provisionszahlungen auch verdient, d. h. vom Finanz­produkthersteller dafür bezahlt wird und damit seinen Lebensunter­halt bestreitet, naturgemäß das Risiko seines Anlageproduktes herunter spielen und versuchen wird, es so lächerlich klein wie mög­lich zu machen, bzw. daraus auch ein seriöses Anlageprodukt zu kreieren.

Diese Vorgehensweise findet man leider sehr häufig bei allen Banken, Volks­banken und Sparkassen, da kann ich erfahrungsgemäß keinen ausnehmen, und bei Vertriebsorganisationen für solche Produkte.

Auch hier gilt grundsätzlich, dass die Finanzprodukte, die am meisten angepriesen oder in den Vordergrund gestellt werden, für den An­preisenden oder Verkäufer die höchste Provision einbringen. Man muss aber hierzu wissen, dass gerade diese Produkte mit den höchsten Provisionseinnahmen für die Verkäufer die Finanzprodukte mit den höchsten Risiken sind. Die Finanzprodukthersteller = u. a. die Investmentbanken schaffen damit einen erhöhten Vertriebsanreiz.

In einem solchen Fall einer „seriösen“ Anlage legte mir ein Mandant ein Angebot eines Finanzvertriebes vor, welcher zwecks Streuung des Vermögens in unterschiedliche Immobilien ein Drittel in gewerbliche Immobilien, das zweite Drittel in wohnwirtschaftliche genutzte Im­mobilien und das letzte Drittel in eine „solide“ Beteiligung an einem Immobilienunternehmen vorgeschlagen hatte.

Bei näherer Betrachtung stellte sich dann heraus, dass sich diese Streuung des Anlagebetrages nur auf ein Gebäude mit über 150 Wohneinheiten in Massenbauweise in Berlin erstreckte. Die gewerb­lichen Immobilien betrafen einige Geschäfte im Erdgeschoß dieses einen Wohnbunkers, die wohnwirtschaftlichen Immobilien betrafen die Wohnungen darüber und die Unternehmensbeteiligung bezog sich auf eine Immobilienfirma des diese Immobilie erstellten Bau­trägers, welcher die nicht verkäuflichen Wohneinheiten in den eigenen Bestand nahm. Seriöse Anlage?

Allein dieses Beispiel zeigt, wie komplex die Anlageprodukte ge­worden sind, letztlich eine entsprechende z. T. umfangreiche Recherchearbeit bedingen, um die bei strukturierten Anlage­produkten dahinter stehende Benachteiligung der Anleger, man könnte es auch Betrugsabsichten nennen, zu vermeiden. Gerade diese Komplexität eröffnet den cleveren Betrügern alle Türen, gegen die sich der nicht informierte Anleger nur durch seriöse Beratungs­leistungen Dritter schützen kann.

Grundsatz 3:

Hat der Anleger die objektive Beratung durch eine Bank, eine Ver­sicherungsgesellschaft oder einem ihrer Vertreter oder durch einem Finanzvertrieb verworfen, ist der Anleger am besten damit bedient, einen Anlagefachmann, der kein Interesse am Verkauf irgendwelcher Finanzprodukte hat, zu engagieren, der diese Fragen professionell und objektiv analysieren und beantworten kann.

Ganz wichtige Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass der Anleger diesen Fachmann selbst bezahlt und somit dieser nicht durch irgend­welche Vermittlungsprovisionen von seinem objektiven Urteil be­einflusst wird. Dies müsste der Anleger explizit hinterfragen. Eine solche Beratung nennt man Honorarberatung.

Aber Achtung, nach dem Honorarberatungsgesetz dürfen sich auch diese Vertriebszweige Honorarberater nennen, die vom Finanzprodukthersteller für den Vertrieb von deren Produkte bezahlt werden. Wichtig somit, dass der Anleger selbst nur diesen Berater bezahlt.

Diese in Deutschland noch nicht so gängige Dienstleistung wird von vielen Anlegern als zu teuer empfunden, zumal die Banken diese vermeintlich umsonst liefern. Bei genauer Betrachtung entspricht dieser Vergleich aber auf keinen Fall der Realität. Eine seriöse, nur vom Anleger bezahlte Honorarberatung ist im Endergebnis deutlich günstiger, als die Be­ratung und der Verkauf der (strukturierten) Finanzprodukte über die Finanzindustrie, die mit hohen Gebühren überfrachtet sind, zum Teil offen ausgewiesen aber auch zum Teil versteckt in den Kursen dieser Produkte.

Mit einem Beispiel aus der Praxis kann ich das wie folgt belegen.

Auf Empfehlung eines Mandanten befragte mich ein Kapitalanleger nach meinen Stundensatz für eine Anlageberatung. Er hätte € 100.000 anzulegen und er wüsste nicht wie.

Ich nannte ihm für eine solche Erstberatung meinen Stundensatz von € 140,– zzgl. Mehrwert­steuer, worauf das Telefongespräch sein Ende fand. Vermutlich war ihm der Preis zu hoch.

Neugierig geworden, wie er denn angelegt hatte, befragte ich ihn einige Wochen später danach. Er antwortete mir dann ganz begeistert, dass er ein ganz tolles Produkt von seiner Bank angeboten bekommen hätte und auf welches er daraufhin zurückgegriffen hatte. Ich bat um Angabe der Wertpapierkenn- Nr. (WKN), die er mir bereitwillig gab.

Meine Recherchen ergaben dann einen Aktienfonds in US$ von J.P. Morgan, welcher beim Kauf mit einem Ausgabeaufschlag von 5 % und einer Managementfee von 2 % p.a. belastet war. Das bedeutet, dass die Beratung der Bank einen Preis von US$ 5.000 gekostet hat sowie ihm jährlich noch weitere  US$ 2.000 kosten wird. Dagegen standen meine € 140,- zzgl. MWST, vielleicht auch etwas mehr. Allerdings hätte er von mir kein so risikoreiches Wertpapier (Währungsrisiko/ Aktienrisiko/ Emittentenrisiko/ Gebührenrisiko/ Fondsrisiko) empfohlen bekommen.

Die Honorarberatung darf aber nicht verwechselt werden mit an Banken vergebene Vermögensverwaltungsmandate, für die der An­leger bis zu 1,5 % seines Vermögens pro Jahr bezahlen und dann fest­stellen muss, dass dieses Depot evtl. durchsäht ist mit eigenen oder auch fremden Fonds, die selbst schon Vermögensverwaltungen darstellen, oder sonstigen strukturierten Finanzprodukten nur mit dem einen Ziel, der Bank die eigene Refinanzierung zu begünstigen oder noch weitere Ertragsmöglichkeiten auch außerhalb des Gesichtsfeldes des An­legers generieren zu können. Solche Mandate sind richtige Goldadern für Banken, allerdings auf dem Risikorücken des Anlegers.

Aber auch hier ist ein wesentliches Kriterium für die Professionalität dieser Beratungsart eine entsprechende Kreditexpertise, die den Honorarberater dazu befähigt, Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen lesen zu können. Eine nur auf Produktkenntnisse aufgebaute Expertise und Entwicklungen nach hören und sagen zu beurteilen, wie bei den Bankberatern oder den aus anderen Berufen rekrutierten Vertriebs­mannschaften der Finanzproduktvertriebsgesellschaften, reicht hier­für keineswegs aus. Darüber hinaus sollte dieser Fachmann über langjährige, wenn nicht sogar jahrzehntelange Erfahrungen im Finanzbereich einer Bank oder auch aus der Wirtschaft verfügen, viele Krisen erlebt und daraus auch entsprechende Schlüsse gezogen haben.

Zur Ehre meiner alten Bankerkollegen möchte ich aber keinesfalls ausschließen, dass es hier immer noch ehrliche, im Interesse des Kunden handelnde Berater gibt. Diese Spezies sind aber sicherlich nur noch vereinzelt vorhanden und dürften es auch äußerst schwer haben, sich dem allgemeinen hohen Vertriebsdruck dieser Institute zu ent­ziehen. Meistens sind es solche Berater, die kurz vor der Pensionierung stehen und sich mit Rückgrat gegen diesen unlauteren Finanzproduktverkauf stemmen. Deren Halbwertszeit ist aber absehbar und sie verschwinden erfahrungsgemäß in irgendwelchen Vorruhestandsvereinbarungen.

Junge, gut aussehende, rhetorisch gut bewanderte und schick ge­kleidete Vertriebsleute in der Uniform der Investmentbanker ohne diese Erfahrungswerte richten hier nur Chaos und Vermögensverluste an.

Zwischenzeitlich gibt es auch Banken, welche für ihre Dienst­leistungen Honorare, u. a. auch Beteiligungen am Ertrag (nicht aber am Verlust!!!!), verlangen und daher nicht über Provisionen bezahlt werden (wird zumindest nach außen so verkauft). Allerdings habe ich insbesondere bei deren Vermögensverwaltungsmandaten bemerkt, dass die Transaktionen pro Quartal extrem hoch waren (Trans­aktionsgebühren?) und sich dennoch strukturierte Produkte – als Beimischung (!!??) – eingeschlichen hatten, so dass man nicht ganz das Gefühl loswerden konnte, dass in deren Hinterkopf doch die damit verbundenen Provisionen dieser Emittenten eine Rolle gespielt haben.

Langsam in Mode kommen auch Banken mit einem ethischen An­spruch, d. h. Verkauf von Finanzprodukten und Vermögensberatung auf der Basis von ethischen Grundsätzen, welches eine Be­nachteiligung der Kunden ausschließen soll. Betrachtet man aber auch deren angebotenes Produktportfolio, stößt man ebenso auf das Sammelsurium von strukturierten Finanzprodukten, d. h. auf Fonds, jedoch mit grünem, umweltpolitischem und waffenfreiem Anstrich, die Benachteiligung der Anleger mit hohen und versteckten Kosten bleibt aber unverändert. Und ob dann damit auch dieser ethische Anlageanspruch erfüllt wird, lässt sich bei der Masse der Anlage­produkte in den wesentlichsten Fällen nicht nachvollziehen. Es er­innert einen fatal an die Biobauern, die keine sind.

Resümierend bleibt daher festzuhalten, dass für Anleger, die keiner Spekulation frönen wollen, nur solche Berater in Frage kommen, die sie selber bezahlen. Größeren Vermögen sei die Inanspruchnahme der Dienstleistungen  eines Family Office ans Herz zu legen. Das ist eine in Deutschland noch unbekannte, aber recht dynamisch wachsende Branche, welche ebenfalls vom Vermögensinhaber bezahlt wird und bei dem sich der Vermögensinhaber auf eine sehr fundierte Anlageexpertise stützen kann.

14. Februar 2015

Elmar Emde

Autor des Buches “Die strukturierte Ausbeutung”

Siehe auch http://www.emde-fiveko.de

 

 

 

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