Zur aktuellen Situation: Kommentar von Alltrust AG, Schweiz

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Sehr geehrter Herr Emde,

so wie James Bond die Lizenz zum Töten hat, haben Politiker und Zentralbankchefs die Lizenz zum Lügen. Gerade einmal eine Woche vor der Aufwertung des Schweizer Franken bestätigte Nationalbankpräsident Thomas Jordan, dass die SNB den Wert des Schweizer Franken bei 1,22 Euro halten will. „Die Bindung des Franken an den Euro-kurs ist ein Grundpfeiler der Schweizer Zentralbankpolitik“, betonte der stellvertretende Vorsitzende Jean-Pierre Danthine in einem TV-Interview drei Tage vorher. Es gab keine internationale Abstimmung unter den Zentralbanken. Das ist die neue Realität: Jede Nationalbank steht für sich selbst und ist gefangen im politischen Umfeld ihres jeweiligen Landes. Sie werden das tun, was immer sie glauben nötig ist, um ihrer Regierung zu helfen und einen für ihr Land positiven Wechselkurs zu gestalten.

Am 15. Januar 2015 verloren Schweizer Investoren mindestens 10 Prozent auf Anlagen in Schweizer Aktien und in der Spitze 25 Prozent im Euro-Franken-Wechselkurs. Ausländern wird der sichere Himmel des Schweizer Franken erst in Zukunft Geld kosten und viele werden bereit sein zu zahlen. Denn 0,75 Prozent im Jahr für die Sicherheit auszugeben, klingt für russische Ohren sicherlich immer noch billig. Teuer werden für ausländische Investoren allerdings schon heute ihre Kredite in Schweizer Franken.

40 Prozent des Schweizer Exports gehen in die Eurozone und der Schweizer Franken ist nun 30 Prozent höher bewertet als vor fünf Jahren. 50 Prozent dieser Bewegung ist dabei an einem Tag entstanden. Dieser Tag ging allerdings auch nicht spurlos an der SNB vorbei. Die Citibank berechnete einen Verlust von 60 Milliarden Schweizer Franken für die Nationalbank.

Die zweite „Draghödie“ spielte sich eine Woche später ab, als die Europäische Zentralbank (EZB) das letzte Tabu brach. Die EZB glaubt immer noch, dass die Senkung von Zinsen und die Erhöhung der Geldmenge die Banken veranlassen wird, mehr Mittel für die Kreditvergabe zu günstigeren Konditionen zur Verfügung stellen. Die Realwirtschaft würde dann investieren, weil sie leichter und zu besseren Konditionen an Kredite kommt. Allerdings schwimmen bereits große Teile der Realwirtschaft im Geld und wollen keinen Bankkredit. Unternehmer, die dringend Geld brauchen, erhalten nichts, da den Banken die Risiken zu groß sind. Aber wenn die Banken unter Risikogesichtspunkten keine neuen Kredite vergeben, dann nützen die jüngst beschlossenen Maßnahmen nichts. In den USA haben die Unternehmen zwar vermehrt Kredite aufgenommen, aber sie nicht für Investitionen genutzt, sondern damit eigene Aktien zurückgekauft und hohe Dividendenzahlungen finanziert. Dieser Effekt wird in Europa jedoch wesentlich kleiner sein, da der Aktienbesitz hierzulande nicht so verbreitet ist wie in Amerika. Herr Draghi setzt auch darauf, dass die Verbraucher aufgrund der niedrigen Kreditzinsen noch mehr Geld aufnehmen und damit den Konsum erhöhen. Aber die Konsumenten leiden noch immer unter den Kreditbergen, die sie vor der Finanzkrise aufgetürmt haben. So werden die Banken ihre aus der ersten Runde stammenden Staatsanleihen an die Zentralbank verkaufen und dafür neu emittierte Staatsanleihen kaufen. Es soll aber niemand über eine versteckte Staatsfinanzierung reden. Ein Erfolg bleibt Herrn Draghi: Selbst wenn es ihm nicht gelingt, die europäische Binnennachfrage anzukurbeln, so kommt der sinkende Wert des Euros den europäischen Exporteuren zugute. Aber auch hier ist die Sachlage unsicher. In Japan gingen Prognosen davon aus, dass der fallende Yen-Kurs das Wachstum um gut 2 Prozent anheben würde. Dazu ist es bisher noch nicht gekommen.

Alles riecht nach dem alten Zuckerpillen-Trick. Wenn der Patient glaubt, dass die Pille hilft, wird er schon von allein gesund werden. Hier folgt Herr Draghi wohl Ludwig Erhard, der glaubte, dass 50 Prozent der Wirtschaft Psychologie sei. Zumindest in den nördlichen Ländern Europas könnten sich Privatleute jedoch weigern, diesem Schema zu folgen. Viele machen sich heute Gedanken, wie und ob ihre Ersparnisse im Alter ausreichen. Der Effekt niedriger Zinsen könnte also nicht zu neuen Kreditaufnahmen führen, sondern im Gegenteil zu einer höheren Sparquote, um im Alter den gleichen Betrag wie geplant zur Verfügung haben. Dies trifft besonders dann zu, wenn wir von einer alternden Gesellschaft ausgehen.

Im Zusammenhang mit der oben erwähnten versteckten Staatsfinanzierung: Auch Deutschland ist kein Musterknabe. Im Jahr 2014 lagen die Ausgaben 155 Milliarden Euro über denen von 2008. Bei der Konsolidierung halfen – Dank sei der SPD und ihrer Agenda 2010 – vor allem die sprudelnden Einnahmen (165 Milliarden Euro). Das ist der springende Punkt. Auch die EZB weiß: Ohne Reformen wird die Nachfrage nicht in Gang kommen. Den Politikern fehlt aber der Mut, unangenehme Veränderungen voranzutreiben. Das auch vor dem Hintergrund, das die Agenda 2010 letztendlich zwar erfolgreich war, aber zur Abwahl von Gerhard Schröder und zum Machtverlust der SPD geführt hat.

Der Januar hat gezeigt, dass die Anleger nach wie vor den Zentralbanken vertrauen. Diese haben in den letzten Jahren die Vermögenspreise hoch gehalten und stabilisierend eingegriffen, wenn es zu größeren Rückschlägen oder angedeuteten Trendwechseln kam. Dabei hat gerade das Verhalten der Schweizer Zentralbank gezeigt, dass, wenn das Vertrauen verloren geht, es zu deutlichen und über Nacht eintretenden Verlusten kommt. Der geldpolitisch fabrizierte Kursaufschwung wird sich auch in anderen Ländern ähnlich wie in der Schweiz auflösen. Die Zinsen für zehnjährige Anleihen in Italien und Spanien liegen unter den von zehnjährigen US-Treasurys. Ein Beispiel dafür, dass die extreme Geldpolitik das Vermögen der Anleger, Risiken einzuschätzen, grob verzerrt hat. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die durch das billige Geld erhöhten Bewertungen auf ihren fundamentalen Wert zusammenfallen.

Nach einem holprigen Start tendierten die Aktienkurse vor allem nach der Entscheidung der EZB stark nach oben. In unserem 3-Säulen-Portfolio haben die Gewinne aus den Aktienanlagen die Sicherungskosten mehr als ausgeglichen. Besonders positiv hat sich im Januar die Performance der Goldminenaktien ausgewirkt. Da der Euro nach wie vor zur Schwäche neigt, konnten wir darüber hinaus, nach der Auflösung unserer Dollarsicherung im letzten Jahr, weitere Zuwächse bei den in US-Dollar notierenden Wertpapieren hinzugewinnen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ottmar Beck

 

P.S: Wertentwicklung verwaltete Depots 2015:

3-Säulen-Portfolio: 4,00 %, Benchmark: 4,34 %

Diese Veröffentlichung dient ausschließlich der Information und stellt weder ein Angebot noch eine Aufforderung zur Abgabe von Kauf-, Verkaufs- oder Zeichnungsaufträgen dar. Alle Informationen beruhen auf Quellen, die wir als zuverlässig erachten. Sie dienen lediglich der Information und begründen kein Haftungsobligo. Anlagen können plötzlichen und erheblichen Wertverlusten unterworfen sein, mit der Folge, dass der Anleger möglicherweise nicht den investierten Gesamtbetrag zurückerhält. Bei Aktien bestehen gegenüber festverzinslichen Wertpapieren neben höheren Renditechancen auch wesentlich größere Risiken; ein Totalverlust kann nicht ausgeschlossen werden. Die individuellen Anlageziele, die Finanzlage oder die besonderen Bedürfnisse einzelner Empfänger wurden nicht berücksichtigt.

 

 

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