Kulturwandel Volksbanken?

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Die Volks- und Raiffeisenbanken, entstanden aus den Grundsätzen der Selbsthilfe und Selbstverantwortung im Wesentlichen zum Zwecke der Kapitalansammlung und Kreditgewährung an „kleine Leute“ mit sekundärem Fokus auf Gewinnerzielung, welches sich aber im Laufe der Zeit auch in Richtung Optimierung des Ertrags verändert hat. Diese Banken-Gruppe genießt wie die Spar­kassen-Organisation bei ihren Kunden ein sehr hohes Vertrauen und bildet damit auch einen Gegenpol insbesondere zu den privaten Geschäftsbanken mit ihrer primären Ausrichtung auf einen optimierten Ertrag.

Neben dem Sparkassensektor nehmen die Volks- und Raiffeisen­banken (insgesamt rd. 1.200 selbstständige Einheiten) den zweit­größten Banken- Marktanteil ein (ca. 25 %) und sind vor allem im Kreditgeschäft eine sehr dynamische Gruppe. Ich empfand zu meiner Bankerzeit diese Gruppe als den stärksten Konkurrenten im mittelständisch geprägten Unternehmens­firmenkunden­ge­schäft.

Auf dem Anlage- /­Anleihesektor spielt diese Gruppe in der Wirt­schaftspresse eine sehr leise Rolle, man findet nur zaghafte Artikel und sie spielt sich nicht so in den Vordergrund wie der Branchenprimus, gehört aber bei genauerer Betrachtung zu einem maßgeblichen Player /­Verkäufer auf dem Gebiet der strukturierten Finanzprodukte.

Insgesamt verfügt diese Bankengruppe über rd. 13.350 Filialen /­ Vertriebsstellen und da kann es einfach nicht ausbleiben, dass die Investmentbank-Branche auch dieses hochinteressante Potenzial in Sachen Vertrieb von Investmentbankprodukten in den Fokus ge­nommen hatte. Auch die angelsächsisch geprägten Unternehmens­beratungsgesellschaften haben diese Bankengruppe genauso wie die Geschäftsbanken unter ihre Fittiche genommen und auch hier ihre gleichschaltenden Maß­nahmen in Sachen Banken-Struktur vorgeschlagen, welche aber nach meiner Kenntnis nicht in voller Gänze übernommen wurden, was wiederum diese Gruppe auszeichnet.

Wie bei den Sparkassen gibt es auch hier Oberinstitute, nämlich die DZ-Bank und WGZ-Bank, die schon einmal kurz vor einer Fusion standen, diese aber wieder abgeblasen haben. Selbst stellen die Volks- und Raiffeisenbanken keine strukturierten Finanzprodukte her, das erledigt für diese Gruppe die Union Asset Management Holding AG, kurz Union Investment genannt, an der die DZ-Bank und WGZ-Bank mehrheitlich (54,4 %) beteiligt sind, die weiteren Aktionäre sind die BBB-Bank und die Volks- und Raiffeisenbanken über ihre Verbände und Beteiligungsgesellschaften.

Die Union Investment, welche per 31.12.2012 ein Vermögen von  € 206 (Vj. €181) Mrd.  verwaltete, ist die Investmentgesellschaft dieser mächtigen Banken­gruppe, welche über ihre Tochtergesellschaften

  • strukturierte Produkte entwickelt wie Aktienfonds, Renten­fonds, Geldmarktfonds, Offene Immobilien Fonds, Misch­fonds, Dachfonds und wertgesicherte (?) Fonds, der gesamte Mischmasch der strukturierten Produkte eben,
  • derzeit sehr stark forciert Produkte und Dienstleistungen für die private Altersvorsorge anbietet und
  • diverse Konzepte für die Vermögensverwaltung erarbeitet und anbietet.

Wenn man die Homepage dieses Instituts öffnet, springen einem sofort solche Angebote, insbesondere für die Altersvorsorge ins Auge und es bezeichnet sich dabei als „Riester-Rente Marktführer“. Nur dumm, dass die Riester-Rente nicht gerade zu den Anlage-Hits in Sachen private Altersvorsorge gehört und man letztlich bei einem normalen Sparvertrag trotz staatlicher Förderung sogar besser fahren würde.

Als Top-Favorit der privaten Altersvorsorge wird z.B. der Fonds UniProfi/­4P angeboten, womit man sorglos riestern (?) könne.

Schauen wir uns doch einmal diesen Top-Favoriten an:

In der abgespeckten Darstellung dieses Produktes wird darauf hin­gewiesen – und beim Weiterlesen mehrmals – dass die Ein­zahlungen des Anlegers und die staatlichen Zulagen zum Beginn der Auszahlphase garantiert seien. Da kann man sich sofort fragen, ob denn nur die Einzahlungen garantiert sind ohne Ertrag? Gibt der Einzahler damit der Bank nicht von Anfang an einen Freibrief, am Ende der Ansparphase nur sein eingezahltes Geld (zzgl. staatlicher Zulagen?) wieder zurückzubekommen und das nach einer Laufzeit von 20 bis 30 Jahren?

Angelegt werden kann das Geld in den Aktienfonds Uni Global oder in den Rentenfonds UniEuroRenta. Da haben wir sie wieder, die Fonds. Ausgabeaufschläge (5 % bzw. 3 %), Verwaltungsgebühren (+ 1,2 % bzw. 0,6 %), die Renditechancen, hohe Ertragschancen, man beachte das Beiwort „chance“ usw. Das gesamte Vokabular des Fondsgeschäftes wird hier verwendet und dem Anleger damit eine Anlage – Sicherheit verabreicht.

In den Ausführungen wird dargelegt, dass die Union Investment mit der UniProfi/­4P dem Anleger eine „exzellente Renten-Höhe“ bietet. Ich frage mich nur, wie sich die Union Investment da so sicher sein kann, da es bisher keiner geschafft hat, bei strukturierten Finanz­produkten das Ende vorauszusagen. Das Ende ist bei dieser Art An­lageprodukte völlig offen.

Untermauert wird diese Feststellung der Union Investment mit dem Hinweis auf die Quelle, nämlich dem Institut für Vorsorge und Finanzplanung GmbH.

Geht man auf die Website dieser GmbH, kann man auf der Seite „Über uns“ folgendes lesen:

„Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) hat sich auf private und betriebliche Altersvorsorge spezialisiert.

Als unabhängiger und inhabergeführte Gesellschaft bewertet es Produkte und Beratungsprozesse im Bereich der Vorsorge, bietet Finanzdienstleistern fachliche Strategieberatung und entwickelt Altersvorsorge-Beratungs­soft­ware …

Das zentrale Element des IVFP ist die Kombination von Wissenschaft und Praxis. Mit einem Team von Spezialisten bietet das IVFP kompetente Lösungsansätze für Produktgestaltung (= strukturiertes Finanzprodukt), vertrieb­liche Umsetzung (= wie verkaufe ich diese Finanzprodukte an die Anleger) und Weiter­bildung (=wie kann ich diesen Verkauf noch effizienter gestalten).

Ein Mischmasch-Produzent und ein weiterer Mischmasch-Produzent nebst Verkaufsauftrag vereinen sich.

Mit diesen Vorsorgefonds bekommt die Union Investment alle Möglichkeiten der eigenen Gewinnmaximierung in die Hand, das Ende bleibt auch hier, wie bei allen strukturierten Produkten völlig offen. Sicher sind nur die auf Jahrzehnte angelegten dauerhaften Gebühreneinnahmen der Investmentgesellschaft und der ver­treibenden Volksbank u.a. über die so genannten Halteprämien.

Dass sich das für die DZ-Bank, als eine der Eigentümerin der Union Invest-Fondsgesellschaft lohnt, hat sich auch in 2013 gezeigt. So verbesserte sich der Provisionsüberschuss um weitere 8,4%  vor allem dank der Erfolge dieser Fondsgesellschaft. Wie viel strukturierter Mischmasch ist da wieder an die Anleger ver­kauft worden? Auch stieg in 2012 der Gewinn aus dem Ver­sicherungsgeschäft (Riester u.ä) dank eines Rekordgewinns der R+V Versicherung um mehr als die Hälfte, in 2013 erfuhr das Konzernergebnis der R+V aufgrund des extremen Niedrigzinsniveaus wieder einen deutlichen Rückschlag.

In einem Vortrag eines Vorstandsvorsitzenden einer Volksbank mit dem Thema „Ethik der Banken“ vor dem Publikum einer Fachhoch­schule wurde eine Verbindung der Volksbanken zu den Investment­banken mit dem Satz „Mit den Investmentbanken haben die Volksbanken gar nichts, aber auch gar nichts zu tun“ verleugnet. Ich frage mich nur, warum die Volksbanken dann sehr gerne auf die strukturierten Finanzprodukte dieser in diesem Vortrag zu Recht verteufelten Investmentbanken zur Verbesserung ihrer Ertragslage zurück­greifen.

Wieder so eine Desinformationsmaßnahme.

Analysiert man auch bei den jeweiligen Volks- und Raiffeisenbanken die Gewinn- und Verlustrechnungen, fällt auch hier das Übergewicht der Provisionserträge im Verhältnis zum ausgewiesenen Gewinn sehr deutlich auf. Diese überproportional hohen Provisionserträge haben ihren Ursprung sicherlich nicht im Zahlungsverkehr und vom noch ausbaufähigen Auslandsgeschäft, diese stammen im Wesentlichen aus dem Verkauf /Vermittlung der mit hohen Vertriebsprovisionen belasteten strukturierten Finanzprodukte mit ungewissem Ausgang und im worst case mit der Option auf einen Totalschaden (siehe jeweilige Produktbeschreibungen).

Wie alle Banken waren auch die Volksbanken sehr aktiv im Verkauf von geschlossenen Fonds aller Art, welche von Investmentbankern zusammengebastelt worden waren und sich dann als absoluten Flop herausstellten, bzw. von den Volksbanken wieder zurückgenommen werden mussten und vermutlich noch genommen werden müssen.

Die Volks- und Raiffeisenbanken nehmen in der deutschen Bankenlandschaft eine wichtige wirtschaftliche Funktion ein und verfügen noch über einen besseren Ruf als die Geschäftsbanken. Mit der Fortsetzung des forcierten Vertriebs von strukturierten Finanzprodukten auch in den kleinsten Dörfern unserer Republik laufen sie allerdings Gefahr, in dasselbe juristische Fahrwasser wie bei den Geschäftsbanken zu geraten und damit diesen Ruf und das noch vorhandene Vertrauen zu verspielen. Das gilt ebenso für die Sparkassen.

Zum nachhaltigen Vermögensanlagegeschäft zurückzukehren ist sicherlich und langfristig der bessere Weg, als den Steigbügelhalter der Investmentbanken zu spielen. Das Kreditgeschäft der Volksbanken, letztlich das eigentliche Rückgrat dieser Gruppe, ist das beste Beispiel für nachhaltiges Banking.

1. Januar 2015

Elmar Emde

Autor des Buches “Die strukturierte Ausbeutung”

Siehe auch http://www.emde-fiveko.de

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